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Ob du dieser Schwertkunst
oder jener folgst,
welche Bedeutung kann darin liegen,
wenn du sie nicht mit ganzem Wesen übst?

(Morihei Ueshiba - O Sensei, Begründer des Aikido)




Waffen haben, ausser bei ihren Liebhabern, einen schlechten Ruf. Es mag daher erstaunen, dass ausgerechnet in jener Kampfkunst, die schon ihrem Namen nach ein Weg der Harmonisierung sein will, das Training mit Stock und Schwert eifrig gepflegt wird.


Gewiss, die Vorstellung, dass im alten Japan jeder Samurai seine blutige Arbeit als ein spirituelles Wirken verstanden haben soll, trennt Jo und Bokken ab von unseren modernen Massenvernichtungswaffen und heben sie gleichsam in eine höhere Sphäre. Sie sind fast schon priesterliche Geräte, deren Zweck nicht mehr im Töten von Gegnern, sondern in der Arbeit am höheren Selbst zu suchen ist. Dass besonders dem Schwert eine besondere symbolische Bedeutung auch in unserer Kultur eigen ist, kann nicht bestritten werden. Das ändert aber zunächst einmal gar nichts daran, dass der ganze lange und sorgfältige Prozess der Herstellung eines Schwertes und des ebenso langen und sorgfältigen Trainings in erster Linie dem Sieg im Krieg gedient hat. Abgesehen davon war das Schwert ein Standessymbol, vorbehalten einer relativ kleinen Zahl von Militärangehörigen, die gegenüber dem Rest der Bevölkerung weitgehende Privilegien innehatten.


Warum trainieren wir im Aikido mit dem Holzschwert (Bokken) und dem Stock (Jo)? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten, die aber alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, etwas gemeinsam haben: Die Techniken ohne Waffen und jene mit unterscheiden sich weder in ihren Formen, noch in der Art wie diese Formen durchgeführt werden. Richtung, Haltung, Einsatz der Muskulatur, Ausnützen der Schwerkraft, und was da noch alles genannt werden könnte, sind in den Waffentechniken dieselben wie in den Techniken der leeren Hand. Wenn dieselben Prinzipien gelten, warum genügt es dann nicht, sich auf einen der beiden Bereiche zu beschränken? Nicht alle Aspekte einer Aikido-Technik sind gleichermassen verständlich. Das Training mit Jo und Bokken kann hier klärend helfen. Wie immer ist es die Einsicht in die Zusammenhänge, die uns das Detail begreifbar macht. Warum greifen wir jemanden an, indem wir ihn beim Handgelenk packen? Aha, weil dieser jemand eigentlich im Begriff ist, sein Schwert zu ziehen, und wir dies verhindern wollen.


Warum führen wir den Ellenbogen des Partners oder der Partnerin in Ikkio auf diese bestimmte Art und Weise nach unten vor unsere Körpermitte und stossen ihn oder sie dann zur Seite? Weil wir eigentlich zwei genau definierte Schwertbewegungen machen: wir schneiden zuerst Shomenuchi, dann stossen wir Tsuki. Abgesehen von solchen Verstehenshilfen führt das Training mit Waffen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und einer korrekten Haltung. Nebenbei können wir mit Jo und Bokken auch für selber allein trainieren, wo wir sonst immer einen Partner oder eine Partnerin brauchen. Letztlich geht es ja darum, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, damit unsere Erfahrung von Aiki vertieft wird.

Die Verwunderung und die Neugier, der ich gelegentlich im Bus oder im Zug begegne, gilt wohl weniger mir, als der länglichen Tasche, die an meiner Schulter hängt. Und es kommt vor, dass ich vorsichtig nach ihrem Inhalt gefragt werde. Meist lässt sich die Antwort kurz fassen: Aikido, ich bin auf dem Weg ins Dojo ... , ja eine japanische Kampfkunst ... , nein, in der Tasche sind nur ein Stock und ein Übungsschwert aus Holz. Als ich allerdings einmal in England einen Polizisten, der mich danach fragte, wissen liess, ich hätte "Waffen" in meiner Schultertasche, brachte er mich in die unangenehme Lage, mein ganzes Gepäck mitten auf der High Street in Birmingham auszubreiten.


Aikido ist nur eine von vielen asiatischen Kampfkünsten, zu deren Training auch der Gebrauch von Waffen gehört. Holzschwerter, Stöcke, Lanzen und Bogen werden in verschiedenen Schulen und Traditionen verwendet, aber auch allerhand besonderes Gerät, dessen Zweck auf den ersten Blick kaum erkennbar wird.


Im Aikido beschränken wir uns auf das Bokken, ein Holzschwert, das gelegentlich auch Bokuto genannt wird, und das Jo, einen ebenfalls hölzernen Stab oder Stock. Das Bokken ist in seiner Form und seinen Massen der Katana nachgebildet, dem aus vielen Filmen bekannten japanischen Schwert. Das Jo ist ein runder Stab, etwa zwei Finger dick im Durchmesser und rund 130 cm lang. Wenn von einem Waffentraining im Aikido die Rede ist - im Gegensatz zu Tai, dem Training mit der leeren Hand - dann sind damit vor allem Übungen mit Jo und Bokken gemeint. Das kurze Tanto, ein Messer aus Holz oder Kunststoff, wird nicht zu den eigentlichen Kampfwaffen gezählt.


Ich habe eben vom Waffentraining im Aikido gesprochen, so als handle es sich dabei um eine zusätzliche Sache, mit der wir uns neben dem eigentlichen Aikido befassen. Das ist eigentlich nicht richtig. Zwischen dem Aikido-Training mit Bokken und Jo und jenem mit der "leeren Hand" besteht kein wesentlicher Unterschied. Beide dienen dem Studium der gleichen Prinzipien, bei beiden handelt es sich um gleiche Praxis, in beiden wiederholen sich die gleichen Bewegungsabläufe, die gleichen Formen. Das wird bei einer ersten kurzen Betrachtung oft nicht genügend deutlich und so kommt es, dass vor allem Anfänger und Anfängerinnen den Eindruck gewinnen, es handle sich bei der Arbeit mit Jo und Bokken um etwas besonderes, das vor allem die Fortgeschrittenen etwas angehe. Doch könnten gerade auch diejenigen, die eben erst mit dem Weg des Aiki angefangen haben, sehr viel vom Waffentraining profitieren. Dafür lassen sich eine Reihe von Gründen anführen:

1. Sehr viele Formen im Aikido haben ihren Ursprung in den klassischen Waffenkünsten. Durch das Training mit Bokken und Jo lässt sich dieser historische Bezug besser verstehen und praktisch nachvollziehen. So stammen zum Beispiel die Angriffe Shomenuchi, Yokomenuchi und Tsuki von den Stössen und Hieben mit dem Schwert ab. Andererseits haben die Bewegungen, mit denen wir auf diese Angriffe reagieren, ebenfalls ihre Entsprechungen in der Praxis der Schwertkünste. Die Arbeit mit dem Schwert ermöglicht es uns daher, besser zu verstehen, wie Aikidotechniken zu interpretieren und wie sie genau durchzuführen sind. Fortgeschrittenen kann das Waffentraining helfen, unterschiedliche Interpretationen von Techniken zu erkennen und die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen zu erfahren.

2. Ob mit Waffen oder ohne, ein wesentlicher Aspekt unserer Kunst besteht in dem was im Japanischen Ma Ai genannt wird, das in einem bestimmten Augenblick gegebene Verhältnis von Distanz und Zeit. Sich in rascher Wiederholung in die und aus der Reichweite einer Waffe zu bringen, schärft das intuitive Gefühl für die Veränderungen der Entfernungen in der Zeit - eine Erfahrung, die auch für das Training ohne Bokken und Jo von entscheidender Bedeutung ist.

3. Ein weiteres Kernelement im Aikido besteht darin, "Öffnungen" zu erkennen. Damit sind die je nach Stellung und Haltung ungeschützten Körperteile gemeint, die durch ein Atemi bedroht werden können. Viele Übungen mit den Waffen beschäftigen sich ausgiebig mit dem Verhältnis von offener und geschlossener Haltung. Dadurch wird nicht nur die Aufmerksamkeit für die Lage des Körpers im Raum geschult, sondern auch ein vertieftes Verständnis für die Funktionsweise der verschiedenen Aikidotechniken gewonnen.

4. Viele eher fortgeschrittene Techniken dienen der Verteidigung gegen einen Angriff mit Jo oder Bokken. Damit diese Techniken dynamisch und sicher geübt werden können, ist es wichtig, dass ein Angriff mit dem Jo oder dem Schwert korrekt erfolgt. Es ist klar, dass das ohne Training mit diesen Waffen nicht möglich ist. Abgesehen davon trägt der Umgang mit Jo und Bokken zum Verständnis des Charakters dieser Waffen bei. Dieses Verständnis hilft mit, einen Schwert- oder einen Stockangriff gemäss Aikidoprinzipien aufzunehmen und umzuleiten.

5. Im Aikido wird sehr betont, dass die Trainierenden "ohne Kraft" arbeiten sollen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass wir schlaff und haltlos sein sollen, sondern, dass es im Aikido nicht darauf ankommen soll, ob jemand mit Muskelkraft schwere Gewichte stemmen kann oder nicht. Im Training mit Schwert und Stock spielen Kraft und Gewicht kaum eine Rolle. Dadurch wird das Vertrauen in die körperliche Überlegenheit geschwächt und jenes in die Prinzipien gestärkt. Das hilft mit, ein Verhalten, das auf Konkurrenz beruht, abzulegen und uns eine partnerschaftliche Sicht von Konflikten anzueignen.

6. Die Arbeit mit den Waffen gibt uns die Gelegenheit unsere Reaktionsverhalten und unsere Sensibilität im Umgang mit Anderen in einer Umgebung zu üben, die einerseits herausfordernd und andererseits sehr stark strukturiert ist. Das hat den Vorteil, dass wir genau beobachten können, wie wir uns anderen gegenüber anstellen, welche Gefühle uns dabei beschäftigen und wie andere auf unser Verhalten reagieren.

7. Im Laufe eines Tages berühren wir viel häufiger Gegenstände aller Art, als wir körperlichen Kontakt mit anderen Menschen haben. Jo und Bokken können uns als Studienobjekte dienen, durch die wir sehr viel über unser Verhältnis zur gegenständlichen Welt erfahren.


Dies sind nur einige der Überlegungen, die zeigen, dass das Training mit Schwert und Stock allen Aikidokas gleichermassen von Nutzen ist.


Es ist sicher so, dass wir oft weder die Zeit noch die Aufmerksamkeit haben, uns intensiv mit allen Aspekten unserer Kunst zu befassen. Andererseits gilt aber auch, dass uns ein gutes Verständnis der Grundlagen von Jo und Bokken helfen kann, unsere Aufmerksamkeit zu schulen und unseren Aiki-Weg zu vertiefen. Dann nämlich, wenn wir verstehen, dass der Unterricht in den Waffen dem Training "mit der leeren Hand" zu gute kommt, weil es keinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen beiden Arten des Übens gibt.


© 2011 Nik Ostertag (ehem. Trainer Aikido Meilen)

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